ADHS und Vergesslichkeit in der Partnerschaft: Warum sie Streit auslöst – und was wirklich dahinter steckt
- Oliver Masch

- 23. März
- 5 Min. Lesezeit

Vergesslichkeit kann Beziehungen stark belasten. Nicht, weil jemand etwas vergisst –
sondern weil es sich oft anfühlt wie:
➡️ „Ich bin dir nicht wichtig.“
Gerade in Partnerschaften mit ADHS entstehen daraus schnell Missverständnisse, Frust und ein Teufelsdialog aus Kritik und Rückzug.
Doch was wirklich dahinter steckt, liegt meist eine Ebene tiefer.
Der Auslöser: Wenn kleine Dinge große Wirkung haben
Nele und Conrad
„Alltägliche Dinge, ja, Kleinigkeiten können zu großen Dramen werden“, seufzt Nele.
„Das stimmt“, nickt Conrad mit dem Kopf, „ich habe dich z. B. gerade vorhin nur mal gefragt, ob wir mit dem Fahrrad oder mit der Bahn fahren sollen…“
„Wir haben gestern vereinbart, dass wir mit dem Fahrrad fahren“, meint Nele und schüttelt - kaum wahrnehmbar - mit dem Kopf, wendet sich ab und bewegt ihre Lippen.
„Und genau so eine Äußerung macht mich ja so wahnsinnig“, erwidert Conrad und schaut zur Seite.
„Was geht in dir vor“, frage ich Nele, „wenn du sagst, dass ihr gestern vereinbart habt, das Fahrrad zu benutzen?“
„Mmh, weiß nicht, ich bleibe eben sachlich, denn es ist ja eine Tatsache.“
„Und was machst du dann?“
„Mmh“, überlegt Nele, „das ist ganz unterschiedlich…“
„Und jetzt? Wie fühlst du dich jetzt?“
„Frustriert.“
„Ok, es frustriert dich, …?!“
„Ja, natürlich, Conrad hat es einfach vergessen, warum reden wir dann darüber? So was kommt so oft vor!“
„Ich verstehe“, sage ich und wende mich zu Conrad, der Nele zustimmend anschaut. „Und wie fühlst du dich, Conrad, wenn Nele sagt, dass sie frustriert ist, weil…“
„Ich kann das verstehen, ja, es stimmt, ich bin nun mal vergesslich…“
„Wenn er das so sagt, dann merke ich, wie mich das noch mehr ärgert, und ich zu mir selber sage, dass das alles keinen Sinn mehr macht, wenn er sich noch nicht einmal die einfachsten Dinge merken kann.“
„Einfache Dinge, die Ihnen wichtig sind und euch verbinden, richtig?“
„Ja.“
„Conrad“, sage ich , „wie erleben Sie Nele, wenn sie sagt, dass macht alles keinen Sinn mehr.“
„Kühl, ja! Und das verunsichert mich.“
„Conrad Sie sind verunsichert, weil Sie- schauen Sie mal, ob das passt - nicht mehr wissen, was Sie machen können, damit alles wieder einen Sinn macht, mit Nele, richtig?“
„Genau, ich schaffe es einfach nicht! Ich bin ein Versager! Punkt.“
„Und was passiert dann, wie versuchen Sie mit diesen Gefühl des Scheiterns, der Verunsicherung klarzukommen.“
„Er bombardiert mich mit Argumenten..“, unterbricht Nele. „Und ich werde richtig schnippisch, wenn er das macht.“
Vergesslichkeit ist nicht das eigentliche Problem
In meiner Praxis erlebe ich: Vergesslichkeit ist ein häufiger Auslöser für Auseinandersetzungen. Was ist, wenn ich dir sage, dass die Vergesslichkeit deines Partners eine Chance für eure Beziehung ist?
Menschen mit ADHS mögen vergesslich sein, sie sind jedoch auch schneller wieder dazu bereit, auf den anderen zuzugehen. Weil sie die Dinge rasch „vergessen“, die zum Streit geführt haben. Sie sind nicht so nachtragend und zeigen sich rascher versöhnlich.
Was wir als vergesslich betrachten, ist jedoch oftmals etwas anderes: es ist der verzweifelte Versuch, wichtige Dinge und Gedanken nicht zu vergessen.
Der Streit ist nicht entscheidend, sondern die Versöhnung.
Stell dir vor, dass dir plötzlich wieder einfällt, dass du den Müll wegbringen wolltest. „Das darf ich nicht vergessen!“ Doch auf dem Weg zum Mülleimer kommt dir der Gedanke, dass du noch eine wichtige E-Mail schreiben musst. Und so geht das weiter. Wie umfallende Dominosteine, die immer schneller werden. Ein Gedanke führt zum nächsten. So verlierst du den Überblick. Und klammerst dich an das, was gerade vor dir liegt oder dir gerade einfällt. Das kann uns allen passieren.
Auf den Partner mit ADHS strömen jedoch noch mehr Gedanken ein, weil der Reizfilter fehlt. Und wenn etwas kommt, was wirklich wichtig und dringend ist, dann rast er mit seinem Ferrari los.
Die entscheidende Frage: Was passiert auf der Bindungsebene?
Dennoch: Bist du auch so oft genervt von der Vergesslichkeit deines Partners? Ich verrate dir ein Geheimnis, wie du besser damit umgehen kannst.
Achte auf die Bindungsebene! Frag dich selbst: Was ist mein Schmerz? Wie gehe ich damit um?
Hier ein Beispiel: Ich hatte mal ein Paar, Nele und Conrad, die sich in das klassische Beziehungsmuster „Protest/Rückzug” verheddert haben, das scheinbar durch Conrads Vergesslichkeit entfacht wurde:
Neles Schmerz: „Ich bin dir nicht wichtig“
Was ist Neles Schmerz und wie geht sie damit um?
„Es geht nicht um seine Vergesslichkeit”, sagt Nele. „Es geht um uns, denn ich brauche seine emotionale Nähe. Ich komme nicht an ihn heran, meine Worte haben keine Wirkung. Er vergisst etwas, was mir wichtig ist und ich denke prompt: Er interessiert sich nicht für mich.“
„Ich erlebe ihn sehr egoistisch. Und das ist hart. Ich mache ihm Vorwürfe und wende mich gleichzeitig ab”, bringt Nele zum Ausdruck, „weil ich den Schmerz nicht ertragen kann, dass ich ihm egal bin. Und je mehr ich ihn kritisiere, desto mehr zieht er sich emotional zurück.“
Conrads Schmerz: „Ich bin nicht genug“
Was ist Conrads Schmerz und wie geht er damit um?
„Ich kann machen was ich will, es ist nie genug“, sagt Conrad, „ja, und dann rechtfertige ich mich vehement und zähle Argumente auf, um sie zu überzeugen. Es ist so beängstigend, nicht von ihr akzeptiert zu werden und sie unglücklich zu sehen.“
„Es stimmt”, fügt Conrad hinzu, „ich neige dazu, Vereinbarungen zu vergessen. Aber je mehr ich ihre Enttäuschung spüre, desto unsicherer und hilfloser fühle ich mich, und vergesse anscheinend noch mehr. Deshalb verlasse ich irgendwann total genervt den Raum.”
Der eigentliche Kern: Die Angst dahinter
Nele spürt in erster Linie seine Frustration, in der er versteckt, und Conrad ihre Enttäuschung. Und doch ist es auf einer tieferen Ebene bei beiden vor allem die Angst, nicht wichtig zu sein oder nicht akzeptiert zu werden.
Unterm Strich ist es für uns Menschen hart, wenn wir keine Liebe spüren. Es fehlen die positiven Bindungssignale, die weichen Blicke, die uns z. B. sagen: „Ich vermisse dich!“
Nele und Conrad sehnen sich letztlich beide nach Nähe: „Du interessierst dich für meine Gefühle und ich kann so sein, wie ich bin.“
Sie geraten rasch in teuflische Dialoge, weil sie die Bindungsebene verlieren!
Ein neuer Umgang: So kann Verbindung entstehen
Probiert es so: Sprich darüber, wie wichtig es dir ist, dass die kleinen Dinge des Alltags beachtet werden. Es ist ein Zeichen der Verbundenheit, nach der du dich sehnst.
Sag’s so:
„Es ist ok. Das kann passieren. Ich verstehe, dass du unsere Vereinbarung nicht absichtlich vergessen hast. Es macht mich jetzt trotzdem gerade wütend, aber dadrunter spüre ich die Angst, dass ich dir egal bin. Kannst du mich kurz in den Arm nehmen, damit ich weiß, dass ich dir wichtig bin?“
Kurz gesagt
Vergesslichkeit ist selten das eigentliche Problem
Dahinter steckt oft die Angst, nicht wichtig zu sein
Paare verlieren die Bindungsebene – und geraten in Teufelsdialoge
Veränderung beginnt nicht im Verhalten, sondern in der emotionalen Verbindung
➡️Wenn du dich in solchen Momenten wiedererkennst, bist du damit nicht allein.
Viele Paare geraten genau an diesem Punkt in einen Kreislauf aus Missverständnissen und Rückzug.
☘️In meiner Arbeit begleite ich Paare dabei, diese Muster zu verstehen und wieder in Verbindung zu kommen.
➡️ Wenn du magst, kannst du dich hier über meine Paarberatung informieren oder einen Termin anfragen.
