„Tango tanzen mit Rogers" - die Aktualisierungstendenz

Aktualisiert: Mai 15

Was hat Carl Rogers mit Tango zu tun? Ob der amerikanische Begründer des Personzentrierten Ansatzes Tango tanzen konnte, ist gut möglich. Doch in dieser Folge geht es um das, was geschehen kann, wenn wir unserem eigenen Erleben vertrauen und folgen.



Jeder Mensch strebt nach Wachstum, nach Selbstverwirklichung. Carl Rogers bezeichnet diesen Vorgang als „Aktualisierungstendenz“. Wir können auch sagen, dass unsere Erfahrungen, die wir täglich machen, eine Einladung zur Weiterentwicklung sind.


„Es wird angenommen", so Rogers, „dass der Mensch wie jeder andere lebendige Organismus – Pflanze oder Tier – eine ihm innerwohnende Tendenz hat, all seine Fähigkeiten auf eine Art und Weise zu entwickeln, die der Erhaltung und Steigerung des Organismus dient.“


Ob wir diese Einladung annehmen, also unseren Erfahrungen und Wahrnehmungen vertrauen und folgen, hängt von Faktoren ab, die ich in einem anderen Beitrag erläutern möchte.


Ich möchte zeigen, anhand eines Spielfilms, was geschehen kann, wenn wir uns in Richtung Aktualisierung, also Selbstentfaltung, hinbewegen.


In der französischen Tragikomödie „Man muss mich nicht lieben“ (Originaltitel: Je ne suis pas là pour être aimé, von Stéphane Brizé, 2005) entdeckt der geschiedene Gerichtsvollzieher Jean-Claude Delsart mit einem Mal seine Leidenschaft fürs Tanzen. Es ist eine Leidenschaft, die er offenbar bei sich selbst noch nie zuvor so wahrgenommen hat.


Wie schafft er das?


Gegenüber seinem Büro befindet sich eine Tango-Schule. Die Fenster sind geöffnet, und die bewegende Musik ist gut zu hören. Er schaut immer wieder hinüber. Eindrucksvoll können wir etwas später in einer Szene sehen, wie er plötzlich von seinem Schreibtisch aufsteht und seine ersten Tangoschritte im Büro macht, während in der Tango-Schule gegenüber ein Kurs läuft. Das klappt ziemlich gut. Er ist in seinem Element und spürt seine Lebendigkeit.



Dies geschieht unmittelbar, unverfälscht, es gibt niemanden, der ihn bewertet. Jean-Claude nimmt seine neue Erfahrungen ernst und meldet sich in der Tango-Schule an...


Jean-Claude vertraut seinem Gespür für Rhythmus und Tanz. Er hat tatsächlich eine kleine Begabung, eine Fähigkeit entdeckt, die auch die anderen Tänzer bemerken, vor allem eine Frau, in die er sich verliebt. Das führt hinterher zu einem interessanten Konflikt, den ich hier nicht verraten möchte. Schaut euch den Film ruhig mal an. Es lohnt sich!


Durch diese neu erlebte Lebensfreude, die er vielleicht noch nie so bei sich bemerkt hat, kann sich sein Selbst entfalten. Es ist ein schönes Beispiel: Jean-Claude bewegt sich sozusagen mit Tangoschritten in Richtung Aktualisierung: „Dies ist eine zuverlässige Tendenz, die, wenn sie frei wirken kann, eine Person auf das hin bewegt, was mit den Begriffen Wachstum, Reife, Lebensbereicherung bezeichnet wird“ (Rogers, Schmidt, S. 211 2004).


Diese Bewegung in Richtung Aktualisierung geht nicht immer glatt über die Bühne. Es kann gut sein, dass wir hinfallen, uns wehtun und doch in uns spüren, dass dies der richtige Weg ist, um zu wachsen. Um weiterzukommen. So lernt ein Kleinkind letztlich auf den eigenen Füßen zu stehen und sich aufrecht zu bewegen. „Wenn ein angemessenes Wachstumsklima gegeben ist, kann man auf die Tendenz, dass der Organismus weiter aktualisiert wird, vertrauen, sogar wenn dabei Widerstände und Schmerz zu überwinden sind“ (Rogers, S.211 2004).


Wachstum ist also möglich, wenn wir auf unsere Wahrnehmungen vertrauen. Den Schmerz, der durch Veränderung entstehen kann, nehmen wir dann in Kauf. Dies ist eine sehr wichtige Erkenntnis, die uns noch in der nächsten Folgen beschäftigen wird.



Meinen Klienten stelle ich manchmal die Frage, ob sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie Jean-Claude. Den meisten fällt da fast immer etwas ein. Das können auch scheinbar nebensächliche, einfache Dinge sein.


Eine Klientin, ich nenne sie mal hier Simone, hat mir einmal erzählt, dass sie nach der Arbeit in den gegenüberliegenden Park gegangen sei, um auf andere Gedanken zu kommen. Einfach so, nur 10 Minuten. Das hat ihr so gutgetan, dass sie das nun regelmäßig mache wolle, bevor sie nach Hause ginge. Diese Möglichkeit hat Simone zuvor nicht in Betracht gezogen, obwohl sie eigentlich weiß, dass sie sich in der Natur am besten entspannen kann. Ihre Mutter habe früher auch oft zu ihr gesagt: „Geh doch spazieren.“ Das war ziemlich nervig, sagte Simone zu mir. Aber jetzt sei ihr das egal.


Wenn Ihnen ähnliche Erfahrungen einfallen, also da, wo Sie ihrem eigenen Erleben im Sinne Rogers gefolgt sind, schreiben Sie mir doch bitte. Es interessiert mich sehr: info@olivermasch.de


Literatur:


Behr, M., Hüsson, D., Luderer, H.-J., Vahrenkamp, S.: Gespräche hilfreich führen. Band 1: Praxis der Beratung und Gesprächspsychotherapie. 1. Aufl. Weinheim 2017.

Rogers, C., Schmid, P.: Person-zentriert. Grundlagen von Theorie und Praxis. 4. Aufl. Mainz 2004.














Das VIDEO zum Beitrag „Tango tanzen mit Rogers" - die Aktualisierungstendenz (Folge 1 der kleinen Videoserie „Alles Rogers") finden Sie hier.

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