Impulsivität in der Partnerschaft mit ADHS: Wenn Nähe sich plötzlich wie Distanz anfühlt
- Oliver Masch

- 26false51 GMT+0000 (Coordinated Universal Time)
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 02false32 GMT+0000 (Coordinated Universal Time)

Wenn Impulsivität Beziehungen belastet
„Wir müssen das Treffen mit Daniela und Aaron absagen“, sagte Frederike.
„Weil du wieder blöde Fragen stellen wirst. So wie immer.“
Bilal verstummt.
Sie merkt selbst: So wollte sie das nicht sagen.
Und trotzdem passiert es.
Im Alltag wird Impulsivität oft so verstanden:
➡️ „Einfach reden oder handeln, ohne nachzudenken.“
Doch das greift zu kurz.
Denn Impulsivität ist nicht nur Kontrollverlust.
Sie ist oft ein Ausdruck von:
Interesse
Präsenz
innerer Dringlichkeit und Bindungsangst
Das ADHS-Gehirn funktioniert manchmal wie ein Ferrari mit Fahrradbremsen:
➡️ Wenn etwas wichtig ist, dann mit voller Intensität.
➡️ Gedanken müssen sofort ausgesprochen werden – sonst sind sie weg.
Für den ADHS-Partner bedeutet Impulsivität oft:
„Ich will dabei sein. Ich will teilnehmen. Ich bin gerade voll da.“
Was beim anderen ankommt
Für den neurotypischen Partner fühlt sich das oft ganz anders an:
➡️ wie ein Übergehen
➡️ wie ein unangenehmer Moment
➡️ wie ein Kontrollverlust in sozialen Situationen
Bilal beschreibt es so:
Was hier entsteht, ist ein typischer Moment im negativen Beziehungstanz:
Der eine wird schneller, impulsiver
Der andere fühlt sich überrollt
Es entsteht Ohnmacht
Daraus folgen Wut, Kritik oder Rückzug
Und plötzlich stehen beide alleine da.
Die verletzliche Ebene darunter
Frederike erlebt vor allem Bilals Wut.
Das verunsichert sie.
Ihre Angst:
„Ich bin zu viel.“
„Ich werde abgelehnt.“
Bilal hingegen spürt:
„Ich verliere dich gerade.“
„Ich erreiche dich nicht mehr.“
Zwei Menschen.
Zwei Schutzreaktionen.
Eine gemeinsame Sehnsucht:
„Wir wollen zusammen sein – warum schaffen wir es nicht?“
Der Wendepunkt: Wenn Bedeutung sichtbar wird
In der Therapie geschieht etwas Entscheidendes - Bilal sagt:
„Wenn es mir zu schnell wird, würde ich dich gerne berühren. Dann habe ich das Gefühl, dass ich dich wieder erreiche.“
Plötzlich verändert sich die Dynamik:
aus Wut wird Sehnsucht
aus Kritik wird Kontakt
aus Distanz wird Verbindung
Impulsivität lässt sich nicht abschalten – aber verstehen
Impulsivität ist kein Verhalten, das einfach „wegtrainiert“ werden kann.
Und vielleicht kennst du auch diese Seite:
➡️ Am Anfang der Beziehung war genau diese Lebendigkeit anziehend
➡️ Gespräche waren intensiv, lebendig, verbunden
Die Herausforderung liegt nicht darin, Impulsivität zu beseitigen.
Sondern darin, einen gemeinsamen Umgang mit dem negativen Beziehungstanz zu finden.
Ein konkreter Impuls für den Alltag
Probiert einfache, klare Absprachen:
„Ich möchte heute mit dir zu dem Treffen gehen. Und wenn es mir zu schnell wird, würde ich dich gerne kurz berühren, damit ich dich wieder spüren kann. Ist das okay für dich?“
Das verändert etwas:
aus Kontrolle wird Kontakt
aus Kritik wird ein Signal
aus Distanz wird Verbindung
Fazit
Impulsivität ist nicht das Problem.
Die Dynamik, die daraus entsteht – schon eher.
Der negative Beziehungstanz.
Doch genau dort liegt auch die Chance:
Wenn Paare lernen zu verstehen,
was hinter dem Verhalten steckt,
kann aus Überforderung und Unverständnis wieder Nähe entstehen.
➡️Emotionsfokussierte Paartherapie kann Paaren zu mehr Verständnis verhelfen:
Viele Paare suchen Unterstützung, wenn Gespräche immer wieder im gleichen Muster enden. Ein gemeinsamer Blick auf diese Dynamiken kann helfen, wieder zueinander zu finden.
