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Overthinking in der Partnerschaft mit ADHS: Wenn Gedanken Nähe verhindern

  • Autorenbild: Oliver Masch
    Oliver Masch
  • vor 7 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen


Innere Unruhe und das Gefühl, sich zu verlieren


Samuel hat seit mehreren Tagen das Gefühl, dass sich Gail zurückzieht. Er kann verstehen, dass sie sehr beschäftigt ist. Sie muss sich auf eine neue Position in ihrer Firma vorbereiten. Aber diese Alleingänge machen ihn fertig. Kaum aus dem Urlaub zurück und zack: „Sie ist nicht mehr zu fassen!“


„Was ist denn los?“, fragt Samuel, als sie kurz ins Wohnzimmer kommt.

„Ach“, sagt sie knapp, „ich komme gleich.“

Dann verschwindet sie so schnell, wie sie hineingekommen ist.


Samuel weiß, dass das nicht passieren wird. Heute Abend wird er wahrscheinlich wieder allein hier sitzen – obwohl sie es anders abgesprochen haben.

Dabei haben sie im Urlaub noch darüber gesprochen:

„Diesmal verlieren wir uns nicht gleich wieder im Alltag.“


Der gemeinsame Kreta-Urlaub war anders gewesen. Das finden beide. Und nun? Kaum beginnt der Alltag, scheint alles wieder beim Alten zu sein.


Das Schlimme ist: So kann Samuel sie kaum ertragen. Wie ein kopfloses Huhn, denkt er manchmal. Immer auf dem Sprung. Immer irgendwo anders.

Und dann denkt er wieder an ihren Chef, den er hasst. Der ruft sogar im Urlaub an. Diesmal hatte Gail ihn ignoriert – das gefiel Samuel sehr.

Aber was ist mit ihm? Auch er muss am Montag wieder arbeiten.


Das Gedankenkarussell


Auf Gail strömen in dieser Zeit unendlich viele Reize ein. Kein Wunder, dass sie kaum zur Ruhe kommt. Ihr innerer Reizfilter funktioniert in solchen Momenten kaum noch.


Es ist, als würde sich ein Karussell immer schneller drehen. Gleichzeitig regnet es Konfetti. Alles scheint wichtig. Alles verlangt Aufmerksamkeit.

Es gibt kein Anfang und kein Ende.

Nur eine permanente innere Unruhe.

Samuel spürt das sehr deutlich.


Doch was wäre, wenn hinter diesem Konfetti im Kopf auch eine Chance steckt?


Gail weiß eigentlich, dass ein Gespräch mit Samuel ihr helfen würde.

Mit ihm könnte sie ihre Gedanken oft erstaunlich schnell sortieren.


Das Karussell würde langsamer werden. Das Konfetti weniger.

Sie wüsste schneller, was sie will – und auch, was sie nicht will.

Dafür braucht sie einen Gegenüber als eine Art Reizfilter. Alleine dauert dieser Prozess deutlich länger.


Die Angst, den anderen zu überfordern


Das Problem ist nur: Gail möchte Samuel mit ihrem Gedankenkarussell nicht verrückt machen. Sie hat Angst, dass er sie zurückweisen könnte.

Das ist schon öfter passiert.


Also hofft sie, dass der Konfettiregen im Kopf von selbst wieder aufhört.

Einmal sagt sie schließlich:

„Kann ich kurz mit dir reden?“


Doch Samuel reagiert knapp. Auch er hat Angst. Er befürchtet, dass ihn ihre innere Unruhe im Gespräch überwältigen könnte. Auch das hat er schon erlebt.


Er sehnt sich nach ihrer Nähe – und hat gleichzeitig große Angst, wieder abgewiesen zu werden.


Wenn das Karussell im Kopf nicht gestoppt wird, verliert sich Gail immer weiter in ihren Gedanken. Dieser Schwebezustand wird oft Overthinking genannt.

Samuel fällt es schwer, damit umzugehen. Gail wirkt für ihn angespannt, rastlos, fast wie auf der Flucht.

Und das macht ihm Angst.


„Sie interessiert sich nur für sich selbst“, denkt er irgendwann. Aus dieser verständlichen Angst, sie nicht mehr zu erreichen, entstehen schließlich Vorwürfe:


„Was ist denn jetzt schon wieder mit dir los?“


Ein klassischer Teufelsdialog beginnt.

Der eine kritisiert, der andere zieht sich zurück.

Dabei wollen beide eigentlich dasselbe: Verbindung.

Und beide haben lange darauf gewartet.


Wenn hinter Unruhe ein Bindungssignal steckt


Doch was ist, wenn hinter dieser inneren Unruhe auch ein positives Bindungssignal steckt?

Ein Signal wie:

„Ich brauche dich.“


Samuel beginnt langsam zu verstehen, wie überfordernd diese inneren Prozesse für Gail sein können.

Und trotzdem hat er das Gefühl, zu kurz zu kommen.


„Such dir doch eine Beratung“, sagt er einmal.

„Ich bin doch nicht dein Coach.“


In einer entscheidenden Sitzung spricht Samuel schließlich über den Schmerz, der unter seinen Vorwürfen liegt.

Über die vielen Momente, in denen er sich einsam, zurückgewiesen und wertlos gefühlt hat.


Gail ist davon tief berührt.


Langsam gelingt es dem Paar, sich in diesen Momenten besser aufeinander einzustimmen. Beide beginnen zu erkennen, welche Sehnsucht unter ihren Ängsten verborgen liegt.


Gail sagt schließlich:

„Wenn ich mit dir über diese Dinge sprechen kann, fühle ich mich innerlich ruhiger. Und verbunden.“

Samuel merkt, wie wichtig es ihm ist, von Gail berührt zu werden.


Und da müssen beide lachen. Denn im Alltag begegnen sie sich tatsächlich viel seltener, als sie glauben.

Damit beide spüren, dass ihre Bindungsbedürfnisse gesehen werden, wollen sie nun etwas Neues ausprobieren.


Die zentrale Frage einer sicheren Bindung gilt für beide: „Bist du da für mich?“

Schritt für Schritt.

An kleinen, sanften Orten der Begegnung.


Eine kleine Übung für Paare


Sprecht vorher über eure Sehnsüchte.

Zum Beispiel so:


„Ich würde dir gerne helfen, deine Gedanken zu sortieren. Gleichzeitig habe ich Angst, dass du danach wieder gehst. Ich brauche dich genauso wie du mich.Könntest du mich vielleicht kurz am Knie berühren, wenn du mir von deinen Sorgen erzählst?“

Und Gail erinnert sich schließlich an ein bekanntes Pippi-Langstrumpf-Zitat – und verändert es ein wenig für sich:


„Das haben wir noch nie vorher versucht. Also sind wir ziemlich sicher, dass wir es schaffen.“


Wenn Gedanken Nähe verhindern


Viele Paare erleben genau dieses Muster:


• Einer fühlt sich innerlich überfordert

• Der andere fühlt sich ausgeschlossen


Und beide beginnen zu glauben, dass der andere sich nicht mehr interessiert.


In der Emotionsfokussierten Paartherapie versuchen wir genau diesen Moment sichtbar zu machen. Denn hinter innerer Unruhe steckt oft kein Rückzug – sondern ein Bindungssignal:


„Hilf mir, meine Gedanken zu ordnen.“


Wenn Paare lernen, diesen Moment anders zu verstehen, kann aus Kritik und Rückzug wieder Verbindung entstehen.



➡️ Paarberatung bei Beziehungskrisen und Vertrauensbruch



Viele Paare suchen Unterstützung, wenn Gespräche immer wieder im gleichen Muster enden. Ein gemeinsamer Blick auf diese Dynamiken kann helfen, wieder zueinander zu finden.


 
 
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