„Gehen oder bleiben?“ – Wie Sie mehr Klarheit gewinnen können

Aktualisiert: Mai 9

Wenn Sie immer mal wieder den Gedanken haben, sich trennen zu wollen, kann Ihnen dieser Beitrag dabei helfen, mehr Klarheit zu gewinnen.


Ich möchte Ihnen zeigen, wie Sie in vier Schritten zu mehr Handlungsfähigkeit kommen können:


1. Beziehungstest: „Wie steht es um meine Partnerschaft?“

2. Pro-Contra-Tabelle: „Gehen oder bleiben“- Was spricht dafür, was dagegen?

3. Paartherapie als (letzte) Chance

4. Wie Sie durch Personzentrierte Einzelberatung zu mehr Klarheit kommen können


Der alltägliche Stress in Partnerschaft und Ehe kann dazu führen, dass selbst eine stabile Beziehung ins Wanken gerät. Nach Bodenmann ist der Alltagsstress sogar ein entscheidender Grund für die immer noch relativ hohe Scheidungsrate (vgl. Bodenmann, 2016).


Durch die Bindungsbrille betrachtet verstärken Hektik, Erschöpfung und berufliche Belastung negative Bindungssignale, die zu Unverständnis, Streit und Schweigen führen können. Wir bewegen uns voneinander weg. Es fehlen klare Signale der Verbundenheit.


Fallbeispiel: „Diese blöde Milch“ – Yara und Ansgar


„Es war mir heute alles irgendwie zu viel“, sagt Yara zu ihrem Mann, „und wollte nur kurz mit dir sprechen. Aber das interessiert dich ja nicht. Du starrst nur auf dein Handy, so wie immer, schaust mich noch nicht mal an, wenn ich dir ´was erzählen will.“

„Ich bin eben auch kaputt“, sagte Ansgar.

„Aha, aber du machst mich dann auch noch an, nur, weil ich keine Milch gekauft habe“, kontert Yara.

„Ok, kann ja sein“, meint Ansgar, „wenn du willst, hole ich gleich einfach diese blöde Milch.“


Auch positive Signale, mit denen wie uns verbinden könnten, werden in derartigen Situationen nicht mehr so gut wahrgenommen.


Es sind vor allem die Blicke des Partners, Körperhaltung und Gesten, die uns in diesen Momenten sagen: „Ich bin mit dir nicht mehr glücklich. Ich habe mir ein Leben mit dir anders vorgestellt. Es hat einfach keinen Sinn mehr.“


Erlebt ein Paar derartige Momente immer und immer wieder, kann sich ein äußerst negatives Beziehungsmuster entwickeln, das zu Trennung und Scheidung führen kann.


Wir sehen in unserem Partner schließlich einen Fremden oder sogar Feind. Dies belastet uns sehr. Es schmerzt und führt zu Panik, da ein elementares Bedürfnis bedroht ist:


„Als Kinder wie auch als Erwachsene brauchen wir geliebte Menschen, die leicht erreichbar und zugänglich sind, damit wir uns innerhalb unserer Bindung sicher fühlen“, schreibt Sue Johnson.


Filmbeispiel: „Nach dem Urteil“


Der Film „Nach dem Urteil“ zeigt eindrücklich und beklemmend, wie eine Familie unter der Beziehungskrise der Eltern schließlich zerbrechen kann. Die Atmosphäre aus Verachtung, Gewalt, Wut, Machtspiele und Schuldzuweisungen führt zu immer mehr Eskalationen, und die Kinder, vor allem der Sohn, werden in diesen bedrohlichen, gewalttätigen „Tanz“ hineingezogen. Es gibt es zwar noch einige Momente, in denen in diesem Fall der Vater seine „weichen“ Emotionen noch zeigt, allerdings erreicht er seine Frau und Kinder nicht mehr, bis es schließlich zu einer Katastrophe kommt...





1. „Wie steht es um meine Beziehung?“


Ob Sie sich trennen wollen oder nicht, hängt von vielen individuellen Faktoren ab.

Viele Paare berichten von einer längeren Phase der inneren Zerrissenheit, bis es schließlich zur Trennung kommt.


Hilfreich ist die Unterscheidung in drei Trennungsphasen:

  1. Ambivalenz

  2. Scheidung

  3. Neuorientierung (vgl. Behr u.a., 2020)

Anhand der folgenden zehn Aussagen können Sie herausfinden, ob Sie sich in der ersten Phase, also der Phase der Ambivalenz bzw. der inneren Zerrissenheit, befinden.


Jede Aussage, die Sie mit „Ja“ beantworten, erhält einen Punkt. Zählen Sie einfach alle Punkte zusammen. Die Auswertung kommt zum Schluss.


Beziehungstest: In Ihrer aktuellen Beziehung haben Sie den Eindruck, dass Sie


  • sich auseinandergelebt haben (ja/nein)

  • sich "nichts" mehr zu sagen haben (ja/nein)

  • wie "Bruder und Schwester" leben (ja/nein)

  • ihren Partner nicht mehr richtig kennen (ja/nein)

  • gemeinsame Themen zunehmend fehlen (ja/nein)

  • sich immer wieder wegen Kleinigkeiten streiten (ja/nein)

  • den Alltag nicht mehr in den Griff bekommen (ja/nein)

  • sich zunehmend zurückziehen (Computer, Internet, Sport usw.). (ja/nein)

  • nur noch wenig mit ihrem Partner unternehmen wollen (ja/nein)

  • ihren Partner kontrollieren (obwohl Sie es eigentlich gar nicht wollen) usw. (ja/nein)


Auswertung:


Wenn Sie mehr als 7 Punkte haben, befinden Sie sich vermutlich in der Ambivalenzphase.


Doch was heißt das? Menschen, die sich in dieser Phase befinden, berichten von einem äußerst schmerzlichen Prozess. Dieser kann sehr lange andauern, denn die Absicht, sich zu trennen, kommt nicht über Nacht.


Bedenken Sie bitte, dass dieser Test lediglich dazu dient, damit Sie ihre aktuelle Situation besser einschätzen können. Probleme und Konflikte gibt es in jeder Partnerschaft.


Filmbeispiel für innere Zerrissenheit: „Mademoiselle Chambon."


Betroffene fühlen sich verunsichert, innerlich zerrissen und sind unentschlossen. Gedanken wie "Soll ich gehen oder bleiben?" oder "Was wird dann aus den Kindern" drängen sich zunehmend auf und bestimmen den Alltag.

Es kann gut sein, dass bei dem einen oder anderen Themen wie „Trennung und Scheidung" bereits konkreter geworden sind, und sich in Streit, Konflikte, Rückzug und Affären äußern können.


Dies wird auch in dem empfehlenswerten Film „Mademoiselle Chambon“ von Stéphane Brizé angeschnitten:


„Der Handwerker Jean ist ein herzensguter Vater und Ehemann. Das Zusammentreffen mit einer besonderen Frau bringt sein Leben jedoch gehörig durcheinander.


Als er die Lehrerin seines Sohnes, Mademoiselle Chambon, während seiner Tätigkeit als Aushilfslehrer kennenlernt, entdeckt er Gefühle, die ihm bisher verborgen geblieben waren.


Zwischen den beiden entspinnt sich eine unerwartete zarte Romanze, die sie in einen Bann zieht, aus dem sich beide nicht mehr lösen können.“ (www.filmstarts.de)


Gleichzeitig erleben Menschen wie Jean immer noch Momente, in denen sie sich mit ihrem Partner verbunden fühlen. Dieses Auf und Ab ist eine Zerreißprobe für das eigene Selbstbild.


Klienten spüren dies in dieser Phase oft zunächst nur am Rande. Sie beschreiben sich als gereizter, ungeduldiger und weniger präsent in ihrer Beziehung.





2. Pro-Contra-Tabelle


Eine Pro-Contra-Tabelle kann Ihnen dabei helfen, widersprüchliche Gedanken zu ordnen. Die finanziellen und emotionalen Kosten einer Trennung sind meist enorm. Was spricht für eine Trennung? Was dagegen? Schreiben Sie sich die Argumente in einer Tabelle auf.


Bedenken Sie, dass diese Methode jedoch ihre Grenzen hat, da Sie ihre Beziehung vor allem mit dem Kopf analysieren und rational betrachten.


Ein starkes Argument für die Partnerschaft sind z. B. „gemeinsame Kinder“. Doch wenn auf der anderen Seite die Familienatmosphäre überwiegend von Feindseligkeit, Verachtung und Betrug gekennzeichnet ist, kann sich das Blatt auch rasch wenden.


„Eine friedliche Scheidung“, so John Gottman, „ist besser als eine Ehe im Kriegszustand.“ Trennungsberatung kann hier helfen, um eine friedliche Scheidung vorzubereiten.



3. Paartherapie als (letzte) Chance


Wenn Paare in ihren negativen Interaktionsmustern über einen längeren Zeitraum gefangen sind, ist meist auch der Blick auf eine gemeinsame Zukunft versperrt.


In dem Song „Verpasst“ habe ich dieses Thema vor vielen Jahren einmal aufgegriffen.


„Wir haben‘s verpasst

Unsere Hochzeit, vor der Glotze und den Nachwuchs

Wir waren so angespannt

Wären wir losgegangen wie Pfeil

Dann durchs Herz

N’inquiète pas, ça ira!“


Wir blieben verhältnismäßig lange zusammen und doch kam es uns schließlich so vor, als hätten wir den richtigen Zeitpunkt für eine gemeinsame Zukunft verpasst.


Niemand wollte dies zugeben. Hätte es doch bedeutet, einen Neustart zu wagen und eine Zwischenbilanz zu machen. Der Zweifel war zu groß. Für uns beide.


Wenn jedoch die negativen Interaktionsmuster herausgearbeitet und aufgespürt werden, kann allmählich auch wieder der Blick auf eine gemeinsame Zukunft frei werden.


Dabei kann Paartherapie helfen.






4. Wie Sie durch Personzentrierte Einzelberatung zu mehr Klarheit kommen können


Trennungsabsichten schwingen in fast jeder Paartherapie mit.


Begleiten wir nun noch mal Yara und Angsar, die sich dazu entschlossen haben, eine Emotionsfokussierte Paartherapie zu machen. „Es ist der zweite Anlauf“, so Ansgar, „und vielleicht auch der letzte.“


Diesmal hofft Yara dass die Arbeit mit Emotionen auf lange Sicht mehr bringt. Beide wünschen sich mehr Verbundenheit, und gleichzeitig drängt sich bei Charlotte der Gedanke auf: „Es ist vielleicht unsere letzte Chance!“


Um sich zu öffnen und verletzlich zu zeigen, bedarf es einer sicheren Atmosphäre, die durch konkrete Trennungsabsichten erheblich gefährdet werden kann.


Yara hat bereits angedeutet, dass Sie nicht mehr viel Hoffnung hat. „Ja, eigentlich halten uns nur noch die Kinder zusammen, und ich weiß nicht mehr, ob mir das reicht... “


Nach den ersten beiden gemeinsamen Terminen kommt Yara alleine. In der Emotionsfokussierten Paartherapie haben sich Einzelsitzungen bewährt, um freier über die Beziehung sprechen zu können. Es ist jedoch wichtig, dass der Therapeut nicht zum Geheimnisträger wird.


Das personzentrierte Beziehungsangebot schafft dabei Raum für einen bewertungsfreien Dialog. Mögliche Beziehungsabbrüche gehen in der Regel mit Schuld- und Schamgefühlen, Verlassens- und Versagensängsten einher.

In vielen Fällen ist auch eine Enttäuschungswut zu spüren.

  • Enttäuscht darüber, dass der Partner einem nicht das geben kann, was man möchte und braucht („Das soll's jetzt gewesen sein?").

  • Enttäuscht aber auch über sich selbst, da man den "falschen" Partner gewählt hat oder die Partnerin nicht glücklich machen kann.


Es ist mutig, sich diesen Gefühlen zu stellen. Demnach bekräftigt der Therapeut den Klienten zur Symbolisierung seiner Trennungsabsichten:


„Ich habe das noch niemanden erzählt, und nun wird mir klar, was mich eigentlich so wütend und traurig macht", sagt Yara.


Dabei werden die Gefühle wie Ärger, Wut und Ärger nicht einfach wie ein „Papagei nachgeplappert". Die Therapeutin geht auf den inneren Bezugsrahmen des Klienten ein, indem sie sich in die Lebenswelt einfühlt und diese akzeptiert.


Damit ist jedoch kein Mitleid, sondern Mitgefühl gemeint. Aktives Zuhören zielt auf individuelle Lösungen ab, die sich aus den Ressourcen des Betroffenen entwickeln.


Die Therapeutin vertraut auf die Aktualisierungstendenz des Klienten: Welche Gefühle und Bedürfnisse sind im Hier und Jetzt vorhanden?


Der Klient ahnt allmählich, wie unangenehme Erfahrungen und Erlebnisse ins Selbstbild integriert werden können, um nicht mehr von den oben genannten Stimmungen überwältigt zu werden: die Klientin weiß schließlich, was zu tun ist und kann handeln.


Auch Yara befindet sich in einem permanenten Zustand der Verunsicherung, Zerrissenheit und Unentschlossenheit:

„Vielleicht ist es wirklich besser, wenn wir uns trennen!“, spricht sie in der nächsten Paarsitzung offen ihre konkreten Trennungsabsichten an.


Dies bietet die Chance zum Neustart.


Es zeigt jedoch auch die Grenzen einer Paartherapie auf, wenn nur noch ein Funken von Liebe zwischen den Partnern aufflackert.


Um weitere Eskalationen zu verhindern und zu einer friedlichen Lösung zu kommen, kann eine Trennungsberatung sehr sinnvoll sein, die auch in vielen Städten kostenlos angeboten wird (z. B. von der Caritas).


Yara und Ansgar wagen einen Neustart. Der ist nicht einfach, doch Zuversicht bekommen beide durch die kleinen Momente der Annäherung und Verbundenheit, die sich während und nach der Paartherapie abspielen.


​Literatur:

Aron, E.: Hochsensibilität in der Liebe: wie ihre Empfindsamkeit die Partnerschaft bereichern kann. 6. Aufl. München 2015.

Behr, M., Hüsson, D., Lederer, H.-J., Vahrenkamp, S.: Gespräche hilfreich führen. Band 2: Psychosoziale Problemlagen und psychische Störungen in personzentrierter Beratung und Gesprächspsychotherapie. 1. Aufl. Weinheim 2020.

Bodenmann, G.: Bevor der Stress uns scheidet. Residenz in der Partnerschaft. 2. Aufl. Bern 2016.

Hartmann, A.: Meine Bedürfnisse, Deine Bedürfnisse. Dem inneren Kind in der Partnerschaft Raum geben. 1. Aufl. Stuttgart 2017.

Merkel, R., Wolf, D.: Gefühle verstehen.,Probleme bewältigen. Eine Gebrauchsanleitung für Gefühle. Berlin 2015. (Hörbuch)


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